Lernen Kinder bei fachfremd tätigen Lehrer*innen weniger als bei Fachlehrer*innen?

Dieser Frage bin ich in einem gerade erschienen Beitrag (Porsch & Whanell, 2019) nachgegangen. Entsprechende Befunde werden häufig als Argument gegen fachfremd erteilten Unterricht herangezogen. Die grundlegende Annahme ist, dass fachfremde Lehrer*innen über geringe(re) Fachkenntnisse verfügen als ihre Kolleg*innen. Sie deckt sich jedoch einerseits nicht mit den uns bekannten empirischen Befunden, anderseits ist sie auch zu kurz gegriffen. Informelles Lernen bzw. außerhalb der Universität Gelerntes und der Erwerb von Wissen bzw. Fachkompetenzen während der Berufsausübung oder auch die intensive Zusammenarbeit mit Kolleg*innen können dazu führen, dass formal fachfremde Lehrer*innen in der Lage sind, qualitätsvollen Unterricht anzubieten. Möglicherweise ist zumindest in der Grundschule die Erstausbildung sogar weniger von Bedeutung als das gewählte Mathematikbuch im Unterricht – das deutet eine kürzlich veröffentliche Studie von Ann-Katrin van den Ham und Aiso Heinze (2018) an, die in Schleswig-Holstein durchgeführt wurde. Zurück zu den Ergebnissen empirischer Studien: keine, kleine und teilweise hohe Effekte der Fachabschlüsse sind national und international festzustellen. Die Verschiedenheit der angewendeten Methoden oder die Festlegung, wer fachfremd ist und wer nicht, können die uneindeutigen Ergebnisse erklären oder begrenzen zumindest die Vergleichbarkeit der Studien. Sogar die Ergebnisse der bislang zweimal – 2011 und 2016 – durchgeführten Schulleistungsstudie des IQB an Grundschulen lassen sich nicht exakt miteinander vergleichen: 2011 diente als Grundlage für die Auswertung die Lehrbefähigung in den Fächern Deutsch und Mathematik, 2016 dagegen die Angaben über die Studienfächer der befragten Lehrer*innen. (RP)

Referenzen:

Porsch, R. & Whanell, R. (2019). Out-of-Field Teaching Affecting Students and Learning: What Is Known and Unknown. In L. Hobbs & G. Törner (Eds.), Examining the Phenomenon of “Teaching out-of-field”: International perspectives on teaching as a non-specialist (pp. 179-191). Singapore: Springer.

van den Ham, A.-K. & Heinze, A. (2018). Does the textbookmatter? Longitudinal effects of textbook choice on primary school students’ achievement in mathematics. Studies in Educational Evaluation, 59, 133-140.

Zwei statt drei Fächer! Neue Ausbildungsordnung für Referendare des Primarstufenlehramts in NRW

Bislang liegt noch keine gültige Änderung der Vorschriften zur Lehramtsausbildung in NRW vor, aber voraussichtlich ab der Einstellung zum 1.5.2019 erhalten angehende Grundschullehrkräfte statt in zwei nun in drei Fächern im Ausbildungsdienst eine Ausbildung, das heißt in Deutsch, Mathematik und einem weiteren Fach (siehe https://vbe-nrw.de/?content_id=5337). Damit wird eine Empfehlung der KMK (2015) umgesetzt, die eine umfassende – also die 1. und 2. Phase betreffende – Ausbildung mindestens in Deutsch und Mathematik für alle Grundschullehrkräfte empfiehlt. Folge ist, dass Lehrkräfte diese Fächer nicht mehr fachfremd unterrichten werden. Allerdings soll auch die Ausbildung weiterhin in 18 Monaten absolviert werden. Aus meiner Sicht ist der Weg richtig, damit keine Lehrerin bzw. kein Lehrer mehr nach dem Referendariat plötzlich vor der Situation steht, selbst noch nie Deutsch oder Mathematik unterrichtet zu haben. Allerdings verweist der VBE auf folgenden Umstand: „Sehr kritisch sieht der VBE NRW, dass eine der beiden fächerbezogenen Ausbildungsgruppen sowohl Deutsch (Sprachliche Grundbildung) als auch Mathematik (Mathematische Grundbildung) umfassen soll. Es ist aus Sicht des VBE NRW nicht möglich, Lehramtsanwärterinnen und Lehramtsanwärter in 18 Monaten in einer Ausbildungsgruppe in diesen beiden Fächern qualitativ hochwertig auszubilden“ (https://vbe-nrw.de/?content_id=5337). Mit anderen Worten: Eine Fachleiterin bzw. ein Fachleiter soll sowohl Deutsch und Mathematik unterrichten, obwohl sie bzw. er bislang nur in einem der Fächer Referendare begleitet hat. Heißt das möglicherweise, dass bereits in der Ausbildung „fachfremd“ betreut wird? (RP)